Hupende Autos, reges Treiben und schallender Gesprächslärm tönen durch die Fensterscheiben unseres alten Toyota-Busses, der uns nach knapp zehn Stunden Flugzeit vom Flughafen Colombo ins nahe gelegene Hotel bringen soll, in dem bereits der Rest derer Leute wartet, mit denen wir die nächsten Wochen auf hoher See verbringen werden. Zu dem Zeitpunkt war uns noch nicht ganz bewusst, was uns Großartiges und Spannendes auf der bevorstehenden Schiffsexpedition durch den Indischen Ozean widerfahren sollte. Die Erschöpfung durch den Flug und der Klimawechsel trugen dazu bei, dass wir uns etwas „streichfähig“ fühlten. Doch die Müdigkeit verflog rasch, als wir nach etwa 30-minütiger Autofahrt den ersten Blick vom Ufer aus über den Ozean schweifen lassen konnten, denn besagtes Hotel lag direkt am Strand. So starteten wir nur wenige Augenblicke später unser erstes wissenschaftliches Experiment: die Überprüfung der Wassertemperatur des Indischen Ozeans auf Badetauglichkeit. Resultat: trotz spektakulärem Wellengang genau richtig! Anschließend rundete ein „get-together“ in Form eines üppigen Abendessens mit der wissenschaftlichen Besatzung den Vortag zur anstehenden Expedition ab. Es war, zumindest für die, die im gleichen Hotel übernachteten und schon angereist waren, die perfekte Gelegenheit, sich kennenzulernen.

Nach einer erholsamen Nacht und einem reichlichen Frühstück versammelten wir uns im Foyer des Hotels, um anschließend zum Hafen von Colombo, dem Liegeplatz des Forschungsschiffs SONNE, aufzubrechen. War die Aufnahmefähigkeit auf der Hinreise zum Hotel aufgrund von Schlafmangel noch etwas eingedämmt, konnten wir auf der Fahrt nun tolle Schnappschüsse vom morgendlichen, chaotischen Berufsverkehr in Colombo schießen.

Nach knapp zwei Stunden war es dann soweit: vor uns erstreckte sich in all ihrer Pracht die SONNE, die uns in den nächsten Wochen achtmal über den Äquator bringen sollte. Wir verbrachten eine erste, ruhige Nacht auf dem Schiff (noch im Hafen) und hatten Zeit, unsere Kollegen aus den verschiedenen Ecken der Welt besser kennenzulernen. Obwohl es sich bei der Expedition um eine Kooperation zwischen dem Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung Bremerhaven (AWI), dem GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, dem Helmholtz-Zentrum Potsdam Deutsches Geoforschungszentrum und dem Staatlichen Geologischen Dienst und Bergbaubüro Sri Lankas handelte, waren neben Deutschen und Sri Lankesen auch ein Japaner, eine Niederländerin, zwei Engländer und ich, ein Österreicher, mit an Bord. Nach einem ausgiebigen Rundgang, einer Sicherheitseinführung und dem anschließenden Beziehen unserer Kammern legten wir am 12. Juli 2017 mit 26 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und 31 Besatzungsmitgliedern vom Hafen Colombo ab: der zweite Fahrtabschnitt („leg 2“) der Expedition SO-258 konnte beginnen.

Kaum hatten wir den Hafen verlassen, wurde den ersten aufgrund des stärker werdenden Wellengangs schon ein wenig flau im Magen – im Laufe der Fahrt sollten aber noch weitaus stärkere Wellen kommen. Nur wenige mussten zu diesem Zeitpunkt bereits die Fische an der Reling füttern. Für Seekrankheit blieb uns allerdings ohnehin kaum Zeit, da sich sofort alle auf dem Peildeck, dem höchstgelegenen Deck der SONNE, versammelten, um noch ein letztes Foto von der Skyline Colombos zu schießen.

Nach einer ersten Lagebesprechung im Hangar fingen wir an, die Messinstrumente für Magnetik, Gravimetrie und Seismik zu installieren. Unser Ziel war es, das Auseinanderbrechen des ehemaligen Großkontinents Gondwana und die frühe Geschichte des Indischen Ozeans zu erforschen. Dazu vermassen wir das im Meeresboden „eingefrorene“ Magnetfeld und die Struktur der Erdkruste. Erkenntnisse über die Entwicklung von Ozeanbecken sind wichtig für die Rekonstruktion der Meeresströmungen in der Vergangenheit und damit auch der Klimageschichte.

Bereits nach den ersten Tagen erwiesen sich die Magnetikmessungen als äußerst erfolgreich. So konnten bereits entlang des ersten Profils magnetische Anomalien kartiert werden. Parallel ließen wir Ozeanbodenseismometer (OBS) auf den Meeresboden absinken und installierten sogenannte „Luftpulser“, für deren Installation und Wartung ich eingeteilt war. Mit diesen konnten wir unter Wasser Schallwellen auslösen – mit dem Effekt, dass sie das Schiff alle 60 Sekunden zum Vibrieren brachten. Nach einer anfänglich etwas unruhigen Nacht hatten wir uns alle aber relativ schnell an das zusätzliche Geräusch gewöhnt. Die OBS am Meeresboden fingen die Echos der Luftpulsersignale auf, die wir dann weiter prozessierten, um uns ein Bild von Sedimentschichten bzw. der Erdkruste zu verschaffen.

Nach mehrtägigem Messeinsatz – auch zu Schichtzeiten um 4 Uhr morgens – war am Horizont ein erstes, schwaches Blitzlicht zu sehen. Das letzte von insgesamt 30 Ozeanbodenseismometern tauchte wohlbehalten vom Meeresboden auf (die Programmierung für die Auftauchzeiten war hier immer doch recht nervenaufreibend, ob auch ja alles klappt) und schwamm einsam an der Wasseroberfläche.

Mit größter Präzisionsarbeit steuerte der nautische Offizier die SONNE bis auf wenige Meter an das Gerät heran, um es anschließend mit einem 10-Tonnen-Kran an Deck zu hieven. So viel sei an dieser Stelle gleich verraten: die Daten sahen sehr vielversprechend aus!

Neben der Refraktionsseismik wurde auch ein reflexionsseismisches Profil angelegt. Dafür musste ein 3000 Meter langer Streamer (mit 240 Kanälen) von einer großen Winde abgerollt und zu Wasser gelassen werden. Eine erste Qualitätskontrolle und Auswertung durfte ich durchführen.

Nach der Hälfte der Expeditionszeit fand eine altbekannte Schiffstradition, das „Bergfest“, statt. Es wird hier das „über dem Berg sein“ gefeiert, sprich die Hälfte der Expeditionszeit wurde erreicht, und hat daher gegen die Meinung vieler wenig mit Montanistik oder dem allseits bekannten Barbarafest zu tun. Ausgelassene Stimmung, gute Musik und Pizza hatten den Abend zu einem besonderen Erlebnis gemacht. Bei diesem Anlass hatte man auch Gelegenheit, die Ereignisse der vergangenen Wochen zu reflektieren. Natürlich wurden auch die Tanzfähigkeiten auf einem schaukelnden Schiff ausgetestet. Der „Twist“ bekam dadurch eine ganz neue Komponente.
So verliefen die Messungen für die zweite Hälfte sehr vielversprechend. Bei einer der Wachschichten im Hydroakustik Labor konnte ich sogar „live“ beobachten, wie der Ozeanboden in knapp 4500 Meter Tiefe unter uns aussieht. Dabei gab es immer wieder spannende Entdeckungen wie z.B. Unterwasserkanäle zu entdecken (vermutlich Ausläufer des Bengalfächers), die das Forscherherz höherschlagen ließen und die Augen zum Leuchten brachten. Bei dem Bengalfächer handelt es sich übrigens um die teils Kilometer mächtigen Ablagerungen der großen Flüsse Ganges und Brahmaputra, die sich seit Millionen von Jahren fächerartig in den Indischen Ozean ergießen und inzwischen eine Fläche bedecken, die mehr als achtfach so groß ist wie die Deutschlands.

Neben den hydroakustischen und seismischen Daten stach vor allem die Magnetik positiv hervor, die uns neue Erkenntnisse über die Bewegung Indiens und Sri Lankas sowie deren Abspaltung von der Antarktis vor vielen Millionen Jahren lieferte – mehr dazu in folgenden Publikationen!

Mit den nun noch verbleibenden Wochen neigte sich die Reise ihrem Ende zu. Aus zwei Gruppen, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie der Crew, hatte sich ein gemeinsames Team entwickelt, das sich sehr gut verstand und gerne zusammenarbeitete. Wir HiWis (HilfsWissenschaftlerInnen, sprich Studierende) hatten dabei im wahrsten Sinne des Wortes unsere fachlichen wie auch optischen Horizonte erweitert. So manch meiner Gedanken sauste dabei über die rauen Gewässer des Indischen Ozeans vorbei an Walen, Delphinen und Schildkröten, um die gewonnenen, neuen Erfahrungen zu verarbeiten.

Um den Abschied voneinander gebührend zu feiern, gab es eine „Farewell“-Party, die von sowohl sentimentaler als auch ausgelassener Stimmung erfüllt war. Es gab frisch gebratenen Lachs, Steaks, diverse Salate und auch Köstlichkeiten wie Aufläufe für unsere vegetarischen Kolleginnen und Kollegen. Nicht ungenannt sollen die ausgesprochen netten und kompetenten Besatzungsmitglieder sein, die uns mit schiffstechnischem Know-How, ausgezeichneten Kochfähigkeiten und „Matrosenhumor“ zur Seite standen.

So näherten wir uns langsam wieder dem Hafen Colombos. Die ersten Ladekräne und Containerschiffe wurden erkennbar, und alle auf der SONNE freuten sich, wieder Land zu sehen. Vieles durfte ich sehen, lernen und erleben und es kam mir so vor, als wären die Wochen wie im Flug vergangen, in denen ich als Teil eines hochkarätigen Teams von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern den Indischen Ozean untersuchen durfte. Zwei refraktionsseismische Profile mithilfe der Ozeanbodenseismometer, ein reflexionsseismisches Profil mithilfe des Streamers sowie Magnetik, Gravimetrie und Hydroakustik geben der Menschheit ab sofort mehr Informationen über die Beschaffenheit der ozeanischen Kruste und den darüberliegenden Sedimentschichten in diesem Gebiet. Für den Großteil war die Reise nun zu Ende …

… nicht aber für mich. Denn als Nächstes wartete die Insel Sri Lanka darauf, entdeckt und bereist zu werden, denn ich hatte die Ehre, gemeinsam mit einer Mitarbeiterin des AWI und einem weiteren Studenten die Landstationen einzusammeln, die ebenfalls die Messsignale des Schiffes aufgezeichnet hatten. So durfte ich innerhalb der darauffolgenden, zusätzlichen Woche die bereits Wochen zuvor installierten Geophone abbauen sowie die wunderschöne Landschaft erkunden. Dabei hatten wir so manch „interessante“ Begegnungen mit wilden Tieren wie z.B. Elefanten oder Affen, die uns während des Abbaus neugierig beobachteten. Auch kulinarisch drangen wir in für mich komplett neue und schärfere Gefilde vor (die sri-lankesische Schärfe bleibt eine Klasse für sich). Auch Bananen, direkt von den Stauden gepflügt und mit größter Freude vom ansässigen Bauern übergeben, haben noch nie so gut geschmeckt. Und über die riesigen Tee-Plantagen könnte man wohl einen eigenen Artikel verfassen!

Die Woche verging wie im Flug und so reisten wir nach knapp 6 Wochen mit ausgezeichneten Daten und grandiosen Eindrücken zurück nach Deutschland/Hamburg, wo die wissenschaftliche Auswertung ihren Lauf nahm.

In diesem Sinne sei ein großes Dankeschön an Dr. Wolfram Geissler (Fahrtleiter) gerichtet, der mir überhaupt erst ermöglichte, an der Expedition teilzunehmen. Es ist nicht nur fachlich, sondern auch landschaftlich und vor allem menschlich sehr prägend gewesen und ich würde jederzeit wieder ein Forschungsschiff betreten, auch wenn ich mit dem modernsten deutschen Forschungsschiff – der SONNE – sehr verwöhnt war.

Für weitere Rückfragen stehe ich jederzeit gerne zur Verfügung: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Herzliche Grüße an alle Forscher und Seeleute!

Maximilian Haas
(Masterstudent „Applied Geophysics“ an der Montanuniversität Leoben)